Wenn erfahrene Servicetechniker in Rente gehen, verschwindet oft jahrzehntelanges Know-how. Das Herforder Unternehmen findIQ hat eine KI-basierte Softwarelösung entwickelt, die dieses Wissen digitalisiert und für alle nutzbar macht – mit messbaren Erfolgen bei Siemens und anderen Industrieunternehmen.
Das Problem kennen viele Industrieunternehmen: Eine komplexe Produktionsanlage zeigt plötzlich Störungen. Der erfahrene Techniker, der solche Probleme im Schlaf lösen konnte, ist vor drei Monaten in Rente gegangen. Sein Nachfolger steht ratlos vor der Maschine, durchforstet Handbücher und probiert verschiedene Lösungsansätze – während die Produktion stillsteht und jede Minute Geld kostet.
Genau hier setzt findIQ an. Das 2022 in Herford gegründete Unternehmen hat eine intelligente industrielle Wissensplattform entwickelt, die das Erfahrungswissen von Servicetechnikern strukturiert erfasst, digitalisiert und durchsuchbar macht. „Wir machen Wissen sicht- und anwendbar, das sonst verloren ginge“, erklärt Patrick Deutschmann, Mitgründer und CTO von findIQ.
Bayessche Netze statt generalisierte KI
Technisch basiert die Lösung auf Bayesschen Netzen – einer Form der künstlichen Intelligenz, die besonders gut darin ist, Zusammenhänge zwischen verschiedenen Informationen herzustellen und Wahrscheinlichkeiten zu berechnen. Die KI lernt dabei, welche Symptome typischerweise mit welchen Ursachen zusammenhängen. Wenn ein Techniker ein Problem meldet, schlägt das System gezielt die wahrscheinlichsten Lösungen vor.
Der entscheidende Unterschied zu allgemeinen KI-Tools, beispielsweise Large Language Models wie ChatGPT, Microsoft Co-Pilot oder Claude ist, dass findIQs Lösung spezifisch mit den Daten und dem Wissen des jeweiligen Unternehmens trainiert wird. Sie kennt die konkreten Anlagen, die Historie vergangener Störungen und die speziellen Herausforderungen vor Ort. Während generative KI-Modelle bei ungewöhnlichen Maschinenvibrationen eine allgemeine Liste möglicher Ursachen liefern würde, kann findIQ präzise sagen: „Bei diesem Maschinentyp unter diesen Betriebsbedingungen ist mit 85-prozentiger Wahrscheinlichkeit das Lager an Position X defekt“ – inklusive Ersatzteilliste und Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Austausch. Mit derart präzisen Aussagen eignet sich findIQ ideal für den Einsatz im komplexen industriellen Umfeld.
Die Ergebnisse sind beeindruckend. Kunden berichten von 60 bis 70 Prozent Zeitersparnis bei der Fehlerdiagnose. Siemens dokumentierte, dass Störungen 67 Prozent schneller behoben wurden. Das bedeutet nicht nur drastisch reduzierte Stillstandszeiten, sondern auch, dass weniger erfahrene Techniker deutlich schneller produktiv arbeiten können.
Dieser Aspekt wird angesichts des demografischen Wandels immer wichtiger. Viele erfahrene Fachkräfte gehen in den kommenden Jahren in Rente, während es zunehmend schwieriger wird, qualifizierten Nachwuchs zu finden. findIQs Lösung adressiert beide Herausforderungen: Sie bewahrt das Wissen ausscheidender Experten und ermöglicht es neuen Mitarbeitern mittels App auf das gebündelte Wissen des gesamten Unternehmens zuzugreifen.
Und nicht nur das: Dieses Wissen wird zielgerichtet in eine präzise Assistenz übersetzt und kommt dadurch unmittelbar zur Anwendung. Mit wenigen Klicks kann ein Mitarbeiter im Shopfloor Maschinenprobleme lösen, Umbauten digital begleitet umsetzen. Egal, in welcher Schicht und in welcher Sprache.
Noch ein wichtiger Aspekt der findIQ-KI: Sie ist sehr gut im Selbstlernen. Und zwar auch hier wieder bedeutend besser als LLM-basierte Systeme. Wissensplattformen mit findIQ lassen sich mit wenigen Klicks trainieren und vor allem problemlos vergrößern.
Software-as-a-Service für schnelle Implementierung
findIQ wird als Software-as-a-Service angeboten, was aufwändige IT-Infrastrukturprojekte überflüssig macht. Die Herausforderung liegt vielmehr darin, das vorhandene Wissen zu strukturieren und in die Plattform einzupflegen. Deutschmann und sein Team haben dafür effiziente Prozesse entwickelt. Häufig starten Unternehmen mit einem Pilotprojekt an einer bestimmten Anlage oder in einem Bereich, um schnell erste Erfolge sichtbar zu machen. Die Empfehlung von findIQ lautet, sich der Maschine zu widmen, die am meisten Probleme macht. Und um den Aufwand so gering wie möglich zu halten, lassen sich Maschinen und Anlagenteile in Form von Templates in der Software duplizieren und sogar verknüpfen. Eine bereits erstellte Wissensplattform kann also sehr einfach kopiert und anschließend individualisiert werden, weil beispielsweise die Maschine geringfügig von einer anderen abweicht. Die Softwarelösung lässt sich dadurch auch ideal auf andere Unternehmensstandorte ausrollen und überspringt dabei sogar Landes- und Sprachgrenzen problemlos.
Expansion in die USA
Die Erfolge in Deutschland haben findIQ ermutigt, den nächsten Schritt zu gehen. Mit der Gründung von findIQ USA, Inc. expandiert das Unternehmen jetzt auf den amerikanischen Markt. „Die Herausforderungen sind dort sehr ähnlich – vielleicht sogar noch ausgeprägter“, erklärt Deutschmann. Besonders in der Fertigungsindustrie sieht das Unternehmen großes Potenzial.
Das langfristige Ziel ist ambitioniert: findIQ will der führende Anbieter für KI-gestütztes Wissensmanagement in der Industrie werden – nicht nur in Deutschland, sondern international. „Kein Unternehmen soll mehr wertvolles Erfahrungswissen verlieren, nur weil Menschen in Rente gehen“, so Deutschmann. „Dieses Wissen soll allen zur Verfügung stehen – jederzeit und überall. Dafür haben wir eine anwenderorientierte Lösung geschaffen, die permanent erweiterbar und keine starre Konstruktion mit Fehlerbäumen ist.“